Lehrinhalte
Im Zuge der Entfaltung der modernen liberalen Regierungsweisen hat Foucault die schillernden Begriffe der Biopolitik und der Biomacht geprägt. Liberale Gesellschaften, so seine These, formulieren die politischen Rationalitäten des Regierens im Rückgriff auf ökonomisches Wissen und zielen auf das Leben der Bevölkerung als zentralen Gegenstand der Machtausübung. Foucault hat der Analyse des Liberalismus damit nicht nur einen materiellen Bezugspunkt gegeben, sondern auch ein Angebot gemacht, wie man die extremen Formen staatlicher Gewalt im 20. Jahrhundert in seiner Kontinuität mit der liberalen Biopolitik verstehen kann. Über die letzten Jahrzehnte wurde Foucaults Begriff der Biopolitik mehrfachen, auch gegenläufigen Revisionen unterzogen. Zum einen hat man versucht, die kolonialen Formen der Necropolitik stärker in den Blick zu nehmen. Zum anderen gibt es Ansätze, um Biopolitik oder Biomacht nicht nur zu einem Begriff der Kritik zu machen, sondern auch affirmative Formen der Regierung des Lebens zu denken. In den letzten Jahren haben die Verbindung von Finanzkrise, autoritären Politiken und ökologischen Krisen sowie die rasche Entwicklung digitaler Plattformökonomien Foucaults Konzepte der Biopolitik und Biomacht herausgefordert. Kann Foucault mit seinen theoretischen Mitteln die Welt der affektiven und psychischen Kolonisierung, der Verleugnung, der finanziellen Zirkulation und des politischen Autoritarismus verstehen helfen? In diesem Seminar werden wir erst Foucaults Konzepte anhand der Lektüre seiner Vorlesungen zur Gouvernmentalität genauer kennenlernen. Im Anschluss wenden wir uns den Weiterentwicklungen des Begriffs zu und nehmen zum Schluss eine Überprüfung der Aktualisierbarkeit seiner Thesen anhand ausgewählter Literatur vor.

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